Die Sennebahn, die FDP Paderborn und die Insel der Glückseligen im Jahr 1996

1996 forderte die Paderborner FDP die Stilllegung der Sennebahn, die die Großstädte Paderborn und Bielefeld verbindet. Die FDP in Paderborn war nicht irgendein FDP- Verband. Sie stellte auch die verkehrspolitische Sprecherin der FDP im Landtag, Frau Thomann Stahl. Sowohl der FDP- Verband Paderborn, als auch die Landtagsabgeordnete verstanden es immer wieder, kuriose Steilvorlagen für gute Leserbriefe zu liefern. Mein Brief „Statt der Sennebahn lieber die FDP stilllegen“ ist ja bereits hier im Blog wiedergegeben. Darauf antworte am 4.12.1996 der FDP- Stadtverbandsvorsitzende Günter Lobin auf meinen Leserbrief in der Neuen Westfälischen vom 20.11.96:

Leider befinden wir uns nicht auf der Insel der Glückseligen. Trotzdem redet die ÖDP gerne von ökologischen paradiesischen Zuständen, die mit dem Erhalt der Sennebahn wieder zu erreichen wären. Wer hätte da etwas dagegen.

Tatsache aber ist, dass sich die Triebwagen fast leer im Stundentakt zwischen Paderborn und Bielefeld bewegen. Dies könnte anders aussehen, wenn es nicht andere Verkehrsmittel wie den PKW oder den Omnibus gäbe, die die Bürger auf dieser Strecke fast ausschließlich benutzen. Dies mag man bedauern, aber das nun mal aus vielerlei Gründen so.

Der Betrieb der Sennebahn kostet Geld, auch wenn keiner mitfährt. Wer zahlt also die Verluste? Konkrete Vorschläge für einen einigermaßen rentablen Betrieb der Sennebahn macht die ÖDP nicht. Sie denkt nur an Vater Staat, der die Verluste übernehmen muss, und dies ist letztlich der Bürger. Das mag realistisch erscheinen, wenn die öffentlichen Kassen voll sind. Aber wer zahlt die Zeche bei leeren Kassen, wenn die Sennebahn als Geisterzug auch künftig durch die Senne fahren sollte?

Vielleicht sollte sich die ÖDP einmal unternehmerisch betätigen, um die betriebswirtschaftlichen Probleme näher kennenzulernen.

Auf so einen schönen Brief habe ich natürlich als verkehrspolitischer Sprecher des ÖDP- Kreisverbandes Paderborn geantwortet. Die Neue Westfälische gab am 17.12.1996 folgende Zeilen von mir wieder:

    Lebt die FDP auf einer Insel der Glückseligen?

Hoffentlich muss ich nicht zu viele Briefe dieses Inhaltes lesen. Beinahe hätte ich mich totgelacht. Die FDP in Paderborn ist auf ihre Weise noch dogmatischer, als die kommunistische Plattform der PDS.

Erstes FDP- Dogma:

Die Sennebahn ist ein Geisterzug.

Zweites FDP- Dogma:

Die Menschen wollen nur Bus und PKW fahren.

Drittes FDP- Dogma:

Die FDP redet nicht von ökologisch paradiesischen Zuständen.

1. Ich habe an einer Fahrgastzählung in der Sennebahn teilgenommen. In jedem Zug saßen in Paderborn um die 40 Fahrgäste. In Bielefeld sind die Züge in der Regel wesentlicher voller. Wenn die FDP behauptet, dass auf der Sennebahn Geisterzüge fahren, zeigt dies doch nur, dass die FDP sich für diese Schienenstrecke noch nicht interessiert hat. Es fehlt für die Sennebahn jede Werbung. Trotzdem haben sich die Fahrgastzahlen in den letzten Jahren mehr als verdoppelt (das war Stand 1996!).

2. Dass die Leute lieber mit dem Bus fahren liegt häufig daran, dass der (Bahn-)Bustarif oft den Bahntarif leicht unterbietet. Sobald es aber einen Verkehrsverbund gibt, werden auch diese Leute auf den Zug umsteigen. Anscheinend hat die FDP nicht gelesen, was ich im letzten Brief geschrieben habe: Bei einer Umstellung vom Zug- zum Busverkehr gingen 50 bis 70% der Fahrgäste verloren und fuhren Auto. Autofahrer sind auf längeren Strecken eher für den Zug, als für den Bus zu gewinnen. Die Busse müssen Zubringerfahrten übernehmen, etwa von Salzkotten über Delbrück nach Hövelhof. Durch den Bahnausbau braucht kein Busfahrer arbeitslos zu werden.

3. Natürlich muss der Weg in eine bessere Zukunft in vielen Schritten gegangen werden. Aber jeder Schritt muss so gesetzt werden, dass das Fernziel näher kommt. Das Fernziel ist die Stadtbahn für Paderborn. Fie Bahnstrecke Heimbach – Düren – Jülich (46 Kilometer) brachte der Bundesbahn bei wenigen Zügen und Fahrgästen ein Defizit von 6 Millionen DM im Jahr. Die Dürener Kreisbahn fährt heute teilweise zwei mal die Stunde und hat bei wesentlich mehr Zügen und Fahrgästen das Defizit auf 1,2 Mio. DM gesenkt.

Warum geht es der Bahn heute so schlecht? Weil die FDP fast immer in der Regierungsverantwortung saß und dem Verfall der Bahn tatenlos zugesehen hat. Bereits 1954 hat der damalige NWDR im Schulfunk über die Bahnprobleme berichtet. Die Bahn fuhr ein Defizit von 0,7 Mrd. DM ein. Gleichzeitig hatte sie aber für unternehmensfremde Aufgaben 1,7 Mrd. DM zu zahlen, die ihr nicht vom Bund erstattet wurden. Die Bahn hätte also einen Gewinn von 1 Milliarde DM jährlich erwirtschaften könne, was ausgereicht hätte, einen Großteil des Schienennetzes zu modernisieren. Im Sendemausskript steht auch, dass für den Straßenbau viel mehr geld ausgegeben wurde, als die autobezogenen Steuern einbrachten, obwohl die Bahn eine wesentlich größere Verkehrsleistung erbrachte. Und der folgende Niedergang der Bahn wurde durch die einseitige Auto-Vorrang-Politik der Bundesregierungen forciert. Die Bahn ist viel wirtschaftlicher als die Straße. Die Defizite der Straße sind lediglich in vielen anderen Haushalten und der allgemeinen Staatsverschuldung versteckt.

Übrigens, die FDP ist nicht überall so kurzsichtig. Landesverkehrsminister Brüderle (FDP) hat in Rheinland Pfalz schon viele wesentlich kleinere Bahnstrecken wieder eröffnet:
Winden – Bad Bergzabern
Winden – Weißenburg (Elsass)
Grünstadt – Monsheim
Grünstadt – Ramsen
und plant weitere Reaktivierungen. Ferner wurde der Wochenendverkehr auf vielen Bahnstrecken wieder eingeführt. Die Sozialliberalen haben dort schon wesentlich mehr bewegt, als die Rotgrünen in NRW. Leben die dortigen Liberalen etwa auf einer Insel der Glückseligen?

Abs. Felix Staratschek, damals in der Riemekstraße in Paderborn zu Hause und verkehrspolitischer Sprecher der ÖDP Paderborn

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