Paderborn: Le Mans Wall Sperrung – Ein Traum mit Zukunft? Leserbrief vom 29.01.97

Im Wochenspiegel vom 29. Januar 1997 griff ich die baustellenbedingte Sperrung des Le Mans Wall für den Durchgangsverkehr auf. Denn das, was sonst nur zum Liborifest – meist in den verkehrsärmeren Sommerferien eine Woche lang Realität wird, wurde nun mitten Jahr für einige Zeit wahr. Und ich habe nicht mitbekommen, dass in Paderborn der Verkehr zusammen brach. In Form eines gedachten Stadtbesuches in Paderborn, habe ich beschrieben, wie schön die Stadt mit weniger Autoverkehr und mehr ÖPNV sein könnte.

In Steinheim steige ich in den Elektrotriebwagen nach Paderborn. der schnell beschleunigende Motor ermöglicht ohne Fahrzeitverlängerung das Bedienen neuer Haltestellen. So steigen heute auch an den Bedarfshaltestellen Grevenhagen und Neuenbeken (Anschluss an eine Buslinie des Padersprinter) Fahrgäste ein und aus. Alle 30 Minuten verkehrt dieser Zug zwischen Hameln und Paderborn. In Altembecken werden mehrere Triebwagen aus Höxter, Göttingen, Warburg und Detmold zu einem Verband gekoppelt, damit die Strecke Altenbeken – Paderborn nicht überlastet wird.

An der neuen Eisenbahnhaltestelle Rosentor verlasse ich mit den meisten Fahrgästen den Zug. Nur wer in den stündlichen Interregio umsteigen will, fährt noch weiter bis zum Paderborner Hauptbahnhof. Auf den zuschlagpflichtigen Inter City (IC) wurde zum Glück verzichtet. Alleine die neue Eisenbahn – Haltestelle Rosentor mit angrenzender Zentralstation des Padersprinter- Stadtbusnetzes hat der Bahn Fahrgastzuwächse von 40% gebracht.

Der Le Mans Wall und der Liboriberg sind ruhig. Die Straße wurde für den Durchgangsverkehr gesperrt. Stattdessen kommt gerade eine Flotte von Bussen an, die statt durch die Innenstadt über den Kamp, Rathausplatz und die Marienstraße nun ungestört vom PKW- Verkehr über den südlichen inneren Ring fahren. Eine Midibus- Linie fährt alle 10 Minuten den Kreis Paderborn Hauptbahnhof – Paderborn Rosentor – Kamp – Marienstraße – Imadstraße – Rathenaustraße – Hauptbahnhof. Dieser Bus verkürzt nicht nur gehbehinderten Menschen die Wege zur Innenstadt, er erschließt auch das dicht bewohnte Riemekeviertel. Auf den Parkplätze am Liboriberg findet jetzt 2 mal in der Woche der Wochenmarkt statt. Wer samstags und Mittwochs in der Stadt etwas einkauft, kann nach seinen besorgungen in der Innenstadt die schweren Lebensmittel direkt neben dem Busbahnhof auf dem Wochenmarkt einkaufen und muss die Taschen nicht mehr so weit zum Bus schleppen. Der Domplatz bekam dafür neue Attraktionen. Anstelle des Wochenmarktes gibt es hier jetzt häufig Flohmärkte, Infobörsen, Aktionstage und viele andere Veranstaltungen, die die Menschen in die Innenstadt locken.

Da die Leute weniger mit dem Auto fahren, gehen viele mit einem Handwagen oder Rucksack einkaufen. Gegen einen Pfandbetrag kann man sich am Rosentor verschiedene Handwagen beim VPH- Fahrgastzentrum ausleihen. Für diese Handwagen gibt es im ganzen Innenstadtgebiet abschließbare Einstellplätze.

Von der Verkehrsregelung auf dem Liboriberg profitieren alle!
—Paderborn hat weniger Autoverkehr und trotzdem eine florierende Innenstadt.
—Es gibt weniger Abgase und Unfälle.
—Die Busse sind wesentlich schneller geworden, seit diese über den Le Mans Wall und Liboriberg fahren.
—Die Verknüpfung der Stadtbusse mit dem regionalen Schienenverkehr am Bahnhof Paderborn Rosentor ist hervorragend.
—Busfahrer (weniger Stress beim Fahren), Fahrgäste (schnellere Busverbindungen) und Anwohner (Zug- und Bushalt vor der Haustür, statt Zuggeräusche ohne Haltestelle) profitieren von der neuen Verkehrsgestaltung.

Dies muss keine Utopie bleiben. Die Sperrung des Le Mans Wall ist momentan vorhanden. Die Auswirkungen können geprüft werden. Der Rest kann in wenigen Jahren verwirklicht werden, wen die Politik es will oder die Wähler die Politiker per Stimmzettel dazu zwingen.

Autofahren bleibt nach wie vor für jeden zu jedem Ziel möglich. Aber der öffentliche Verkehr würde einen riesigen Attraktivitätsschub erhalten und so viele Autofahrten ersetzen.

Heute fahren alle Züge aus Richtung Altenbecken direkt an der Paderborner Innenstadt ohne Halt vorbei. Es muss am Hauptbahnhof in einen Bus umgestiegen werden, um dahin zurück zu fahren, wo man durch eine neue Haltestelle künftig aussteigen könnte. das gleiche gilt für Fahrgäste, die vom Zug in die Busse zur Uni und zur östlichen Stadthälfte umsteigen wollen. Busfahrgäste, die von einem Stadtteil ins andere fahren, wird die zeitraubende Innenstadtdurchquerung erspart, während die Fahrgäste, die zur Innenstadt wollen, noch immer recht nah am Zentrum halten oder in den Midibus umsteigen können. Der Midibus stört in der Innenstadt nicht und ersetzt die Schlange der Linienbusse, die im dichten Takt noch immer durch die Innenstadt fährt.

Paderborn hat hier einmalige Entwicklungschancen. Wer hat Lust sich mit mir (oder da ich nicht mehr in Paderborn bin statt mir) sich hierfür einzusetzen?

Eine Herausnahme der Busse aus der Innenstadt ohne eine Sperrung des südlichen Inneren Ringes für den Durchgangsverkehr wäre jedoch eine Verschlechterung des Busverkehrs und würde das Autofahren fördern. Ohne eine Sperrung für PKW, ist die Verlagerung der Busse auf den Liboriberg abzulehnen und die heutige Verkehrsführung beizubehalten.

Abs. Felix Staratschek
damals Verkehrspolitischer Sprecher der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP), wohnhaft im Riemekeviertel.

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